Impulse

 für Bewusstsein & Wandel 

Manchmal singt ES

Über Kreativität, Durchlässigkeit und die Freiheit, zu spielen

In meiner schamanischen Arbeit gibt es Momente, in denen mit meiner Stimme Töne und Melodien entstehen, die ich nicht geplant habe und später nicht wiederholen könnte. Gerade dort begegnet mir eine Frage, die mich mein ganzes Leben begleitet: Was ist Kreativität – und was geschieht, wenn wir ihr Raum geben?

Hin-dengeln.

Ich stamme noch aus einer analogen Zeit. In den Achtzigern haben wir vieles einfach selber gemacht. Kleider. Musik. Irgendetwas, das uns gerade eingefallen war und das es meistens sowieso nirgendwo zu kaufen gab.

Also haben wir genäht, gezeichnet, geklebt, gebaut. Gefragt. Hilfe geholt bei Leuten, die jemand über drei Ecken kannte. Keine drei Workshops, bevor man sich an etwas heranwagte. Kein Tutorial für jeden Handgriff. Einfach hin-dengeln, und dann schauen, was passiert.

Natürlich ging dabei manches schief. Das gehörte dazu. Ein schiefer Saum konnte trotzdem ein Kleid werden. Ein merkwürdiger Klang vielleicht der Anfang von etwas, das man vorher noch nie gehört hatte.

Es war ziemlich normal, einer Idee Ausdruck zu verleihen, auch wenn man das, was dafür nötig war, noch gar nicht richtig konnte.

Ich mag diese Erinnerung.

Vielleicht auch deshalb, weil in meinem Empfinden Kreativität heute viel schneller mit Können, Professionalität und Ergebnis verbunden wird. Mit viel mehr Perfektion und Leistung.

Als Künstlerin kenne ich das professionelle Arbeiten seit vielen Jahren. Ich wurde für meine Arbeit ausgewählt und ausgezeichnet, habe gelernt, Ideen auszuarbeiten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ein Ergebnis zu übernehmen.

Professionalität ist eine Möglichkeit, eine spezifische Sprache – aber sie ist nicht die einzige.

Mich interessiert es, wählen zu können, welche Sprache meine Kreativität gerade braucht.

Wem gehört das Künstlerische?

Joseph Beuys hat mit seinem berühmten Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ den Kunstbegriff weit über den Beruf des klassischen Künstlers hinaus geöffnet. In seinem erweiterten Kunstbegriff sah er die menschliche Kreativität als gesellschaftlich wirksame Kraft. Die Gesellschaft selbst verstand er als Soziale Plastik, die durch die Mitwirkung ihrer Mitglieder geformt wird. Die schöpferischen Fähigkeiten des Einzelnen werden damit Teil der Frage, wie wir Gesellschaft gestalten und verändern. (beuys-multiples.pinakothek.de)

In diesem Gedanken geht für mich ein weiter Horizont auf.
Denn ich glaube ebenfalls, dass künstlerisch sein eine zutiefst menschliche Möglichkeit ist.

Bei Beuys ist diese schöpferische Kraft für mich allerdings stark mit dem Entfalten von Fähigkeiten, mit Gestaltung, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Der einzelne Mensch ist schöpferisch – und mit dem, was er tut, zugleich beteiligt an einer größeren gesellschaftlichen Gestaltung. Das eigene Tun und seine Folgen zu verantworten, gehört zu diesem erweiterten Kunstverständnis. (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen)

Und zugleich zieht mich noch eine andere kreative Sprache an: die Freiheit des Amateurs.

Das Wort Amateur stammt aus dem Französischen und letztlich vom lateinischen amator: Liebhaber. Jemand, der etwas aus Liebhaberei tut.

Vielleicht gefällt mir deshalb die Figur des Amateurs so sehr: jemand, der etwas aus Liebe tut. Aus Lust. Weil da etwas ist, das ausprobiert, bewegt oder sichtbar werden will.

Der Amateur darf herumprobieren, sich widersprechen, scheitern oder völlig unproduktiv sein. Es muss kein Produkt dabei herauskommen. Der Ton darf schräg sein, die Farbe darf verlaufen. Etwas darf misslingen und trotzdem einen wunderbaren Nachmittag gemacht haben.

Was für ein Luxus.

Gerade in professionellen künstlerischen Zusammenhängen stehen Erwerbs- und Ergebnisdruck häufig mit im Raum. Wer von der eigenen Kunst lebt, muss auch liefern, entscheiden, fertig werden, Verantwortung für ein Ergebnis übernehmen. Natürlich kann auch ein Profi spielen, scheitern und verschwenderisch sein. Aber es ist eine andere Sprache und sie wird unter anderen Bedingungen gesprochen.

Als Amateur können wir uns dem schöpferischen Tun selbst überlassen.

Alles darf. Jeder darf.

Und was für eine Lebensenergie darin steckt!

Sie fragt weniger danach, ob etwas schon gut genug ist. In ihr fange ich an, bevor ich weiß, was daraus werden soll.

Herumprobieren, verwerfen, verspielt ganz im Moment sein dürfen – weiter nichts.

Lebenskraft pur.

Wenn ich sie lasse …

Die andere kreative Sprache

Schmaler Weg durch hohes Gras, auf den helles Sonnenlicht fällt

In meinem persönlichen Schaffensraum gibt es eine Form von Kreativität, bei der ich besonders deutlich erlebe, dass ich sie gar nicht vollständig selbst hervorbringe.

Das Tönen und Singen.

Anders als manche anderen schamanischen Praktiken kam die freie Stimme zu mir, ohne dass ich dazu jemals eine Ausbildung irgendeiner Art gemacht hätte.

Gut. Ganz stimmt das nicht.

Ich hatte vor langer Zeit ein paar Jahre Gesangsunterricht – als ich vor über 40 Jahren die Sängerin der Band Neonsphinx war. Aber das ist eine Geschichte für sich … ;-)

Was heute in meiner schamanischen Arbeit geschieht, fühlt sich vollkommen anders an.

Ich singe dort kein Lied, das ich kenne. Ich habe keine Melodie vorbereitet und keinen Text gelernt. Manchmal beginnt es mit einem Summen. Ich spüre mich an einen Ton heran, fast wie ein fein getuntes Radio, bis eine Frequenz deutlicher wird.

Dann kommt vielleicht ein zweiter Ton. Eine Melodie entsteht. Ein Rhythmus. Manchmal ist meine Stimme zart und manchmal rau, brüchig – und manchmal entwickelt sie in mir eine Kraft und Wildheit, bei der ich selbst überrascht bin.

Wo kommt DAS denn jetzt her?

Ich könnte diese Melodien später nicht wiederholen. Ich könnte sie nicht aufschreiben und am nächsten Abend noch einmal genauso singen.

Sie gehören diesem Augenblick allein. Dieser Arbeit. Diesem Menschen oder Naturwesen für das ich singe.

Etwas findet den Weg durch mich hindurch in die Welt.

In solchen Momenten erlebe ich mich gleichzeitig verbunden und durchlässig.

Ich begünstige bewusst, ein schöpferisches Wesen sein zu dürfen.

Das meine ich ziemlich wörtlich. Diese Durchlässigkeit geschieht nicht einfach automatisch. Ich kann Voraussetzungen schaffen, unter denen freie Kreation überhaupt möglich wird. Ich kann mich öffnen, meiner Wahrnehmung Raum geben und Vertrauen entstehen lassen.

Und ja: Mein Verstand hat dazu durchaus eine Meinung.

Denn er muss für eine Weile ein Stück in den Hintergrund treten. Er darf beobachten und dabei sein, aber nicht schon vorher festlegen, wo es langgeht.

Meine Erfahrung, mein Körper, meine Stimme sind vollständig beteiligt. Und trotzdem weiß ich vorher nicht, was kommt.

Vielleicht liegt darin eine besondere Form von Kreativität:

Ich gestalte – und lasse mich gleichzeitig gestalten.

Und irgendwann singt ES.

Das braucht Vertrauen. Vertrauen darauf, dass ich dem Ton folgen darf, auch wenn ich keine Ahnung habe, wohin er führt. Dass nicht jeder Ton schön sein muss und ich nicht schon vorher wissen muss, was aus ihm wird.

Ich kenne diese Bewegung auch aus anderen schöpferischen Prozessen, wo sich Ahnung, Kreativität, Intuition und Imagination berühren.

Dann will dieses Formlose irgendwohin.

In einen Text. Einen Raum. Ein Gespräch. Ein Ritual. Ein Bild.

Wenn ich mich lasse

Was will durch mich Form bekommen?

Menschen haben immer Ausdruck gefunden für das, was sie bewegt. Wir haben gesungen, getanzt, Dinge verziert, Zeichen erfunden und Formen geschaffen für etwas, das sich mit Worten allein nicht sagen ließ.

Und vermutlich geschieht das bis heute viel öfter, als wir es Kunst nennen.

Jemand richtet einen Raum so ein, dass er sich darin endlich zu Hause fühlt. Findet in einem schwierigen Gespräch plötzlich einen Satz, den es vorher noch nicht gab. Baut sich etwas, weil das Passende nirgends zu kaufen ist. Erfindet mit einem Kind ein Wesen mit sieben Ohren und einer Vorliebe für Kartoffelpüree.

Schöpferische Kraft.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort, wo etwas in uns lebendig genug wird, dass es eine Form sucht.

Und allzu oft zerstören wir diesen feinen Anfang fast sofort wieder.

Das kann ich selbst natürlich auch hervorragend.

Ich entscheide, wähle, verwerfe, gestalte. Manchmal arbeite ich sehr präzise an etwas und möchte, dass es genau so wird, wie ich es mir vorstelle.

Aber manchmal beginnt gerade eine Idee in mir zu kribbeln – und fünf Minuten später sitzt mein Verstand schon mit dem Klemmbrett daneben.

Was wird das?
Wozu ist das gut?
Kann man das verwenden?
Ist es professionell genug? Ist das Kunst?
Müsste man dafür vielleicht erst noch …

Hallo?

Es wollte vielleicht gerade einfach spielen, diese anderen Momente auskosten, in denen etwas auftaucht, das mich selbst überrascht.

Ein Bild, eine Farbe oder vielleicht eine Melodie, die ich nicht gesucht habe.

Woher kommt sie?

Vielleicht aus all dem, was ich in meinem Leben gesehen, gelernt und erfahren habe. Vielleicht aus meinem Unbewussten. Vielleicht aus dem großen Feld, in dem ich mich als schamanisch arbeitende Person verbunden erlebe.

Inzwischen muss ich mir diese Frage nicht jedes Mal beantworten.

Mich interessiert viel mehr, ob ich präsent und durchlässig genug bin, dem Ausdruck zu verleihen.

Vielleicht wähle ich auch deshalb inzwischen Kunstformen, die so flüchtig sind.

Muss das, was wir erschaffen, wirklich immer bleiben?

Ich weiß es nicht.

Mich zieht eine Kreativität an, in der etwas durch mich hindurchgeht und für einen Moment Form annimmt. In der ich mich erleben kann als jemand, der erschafft – und gleichzeitig als jemand, der empfängt.

Genau darin liegt für mich die Durchlässigkeit.

Ich muss nicht jede Idee besitzen oder kontrollieren, nicht jeden Ton festhalten. Nicht jedes Ergebnis verwerten.

Manches will vielleicht einfach nur für einen kurzen Augenblick in die Welt.

Dann war es da.

Und das ist gut. Und längst gut genug.

Grüße von Herzen,
Birgit Gentis

© 2026 Birgit Gentis – Schamanisches Mentoring & Energiearbeit

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Das Flüchtige, das hier auftaucht, hat noch eine andere Seite.

In meinem Essay
„TEMPORÄR – Über Vergänglichkeit, Unversehrtheit und unser schöpferisches Werden“ folge ich dieser Spur aus einer anderen Richtung.

[→ TEMPORÄR lesen]

Warum Kreativität für mich zur schamanischen Arbeit gehört

Kreativität bedeutet für mich nicht nur künstlerischen Ausdruck. Sie ist auch Teil meiner schamanischen Arbeit: im Wahrnehmen, im Antworten auf das, was sich offenbaren will, und manchmal in der Stimme.

Töne oder Melodien sind dabei nicht geplant und kein festes Element jeder Session. Sie entstehen aus dem jeweiligen Moment und der gemeinsamen Arbeit.

Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, wie ich schamanisch-energetisch arbeite, findest Du hier einen Einblick.

Dieser Artikel dient der Inspiration und ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder heilkundliche Behandlung.

Birgit Gentis in Dankbarkeitshaltung – Symbol für Achtsamkeit, Präsenz und Verbundenheit in schamanischer Energiearbeit